1. September 2023

bist du bekloppt, dann lebst du noch

Emily Linge: I'll Follow the Sun (The Beatles Acoustic cover)
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Zum Weltfriedenstag

Marei Bestek

Das psychische Leiden selbst scheint in Mode gekommen zu sein. So wird es heute als durchaus „schick“ (oder woke) betrachtet, mit dem ein oder anderen kleinen Neuroserl hausieren zu gehen. Emotionen zulassen. Und vor allen Dingen: heilen, heilen, heilen! Und bei Ihnen so? Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?

Denn wenn wir Pech haben, dann starten wir schon unglücklich in das Leben, nämlich mit einem Geburtstrauma. Und ab da wird es auch nicht viel besser: Angststörungen, Depressionen, Aufmerksamkeitsstörungen, Stress, soziale Phobien, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Hypersensibilität, Paranoia, Essstörungen, Bindungsstörungen, Panikattacken, Suchtkrankheiten, Burnouts und ein bunter Strauß an Traumata begleiten von da an unser Leben. Wir alle müssen uns wohl weniger die Frage stellen, ob wir an einer psychischen Erkrankung leiden. Sondern eher, an wie vielen. (Es sei denn, Sie gehören zu den Abgebrühten unter uns. Dann lehnen Sie sich beim Anblick des derzeitigen „Kampfs der Marotten“ entspannt zurück, machen sich zu Ihrem Neuroserl noch ein Weinerl auf und geben gleich freimütig zu: „Hab ick alles!“ Möglicherweise handelt es sich dabei aber auch um Größenwahn. Oder eine schizophrene Phase.)

Mein Opa starb einige Jahre nach Kriegsende an einer kriegsbedingten Erkrankung. In den Jahren vor seinem Tod bekam er allerdings noch drei Kinder, kümmerte sich um Haus, Hof und Geschäft. Was wäre gewesen, hätte er stattdessen erst mal sein Kriegstrauma geheilt (was so ganz nebenbei mit Sicherheit schwerwiegender war als so manches unser heutigen psychischen Alltags-Wehwehchen)? Was wäre gewesen, hätte er seine Zeit mit Achtsamkeitsübungen, Atemübungen und der Suche nach sich selbst verbracht? Meine Mutter wäre wahrscheinlich heute nicht auf der Welt. Und somit auch ich nicht.